Kulinarik & Kultur

Von Paradeisern, Powidl und Palatschinken

Ein Streifzug durch die österreichische Speisekarte — vom souffliert-goldenen Schnitzel über die Melange bis zum Sturm beim Heurigen. Setzen S’ sich, es ist angerichtet.

Wirtshaus Kaffeehaus Heuriger

Zu Tisch, bitte

Großmutters Küche, neu aufgetischt

Lange galt die österreichische Küche als schwer, deftig und ein bisserl von gestern. Heute ist sie das Gegenteil: Eine junge Generation an Wirtinnen und Köchen hat die alten Rezepte aus dem Kochbuch der Großmutter geholt, entstaubt und mit leichter Hand neu interpretiert. Das Wirtshaus erlebt eine Renaissance — als Ort, an dem man noch weiß, woher der Paradeiser kommt und wie lang der Tafelspitz köcheln muss.

Wir nehmen Sie mit an den Marmortisch und an die lange Wirtshaustafel, ins Kaffeehaus und in den Heurigengarten. Wir übersetzen die Speisekarte, erklären die Geheimnisse der Melange und verraten, wo heuer die schönsten Feste gefeiert werden. Denn Essen ist in diesem Land nie bloß Essen — es ist ein Bekenntnis.

Zum Veranstaltungskalender
In Österreich ist Essen keine Nahrungsaufnahme — es ist eine Weltanschauung mit Schlagobers. Die Redaktion

Der Küchen-Kanon

Die großen Klassiker vom Herd

Sechs Gerichte, ohne die keine ordentliche österreichische Speisekarte auskommt — und um die man sich beim Sonntagstisch beinah schlägt.

Vom Kalb

Wiener Schnitzel

Klassisch vom Kalb, dünn geklopft, in der Panier goldgelb souffliert — sie soll „wellen“, nicht anliegen. Dazu Erdäpfelsalat mit Kürbiskernöl. Das Schnitzel „Wiener Art“ nimmt es vom Schwein, verrät es aber nicht gern.

Kaiserlich

Tafelspitz

Zart gekochtes Rindfleisch aus der klaren Suppe, serviert mit Apfelkren und Schnittlauchsauce, dazu Röstkartoffeln und Spinat. Gilt als Leibspeise von Kaiser Franz Joseph — der es angeblich fast täglich verlangte.

Zerrissene Legende

Kaiserschmarrn

Ein fluffiger Schmarrn, karamellisiert und in Fetzen gerissen, mit Staubzucker beschneit und Zwetschkenröster dazu. Der Legende nach für den Kaiser erdacht — und heute die schönste Belohnung nach jeder Wanderung.

Knödel-Kunde

Knödel in allen Lebenslagen

Der Semmelknödel zum Braten, der Speckknödel auf der Hütte, der Marillenknödel als Hochamt des Sommers. Ob pikant oder süß — beim Knödel zeigt sich, ob eine Küche ihr Handwerk versteht.

Der Westen

Kasnocken & Kaspressknödel

In Tirol, Salzburg und Vorarlberg regiert der Käse: goldene Kasnocken mit gerösteten Zwiebeln, dazu der in der Pfanne gepresste Kaspressknödel in der klaren Suppe. Bergküche, die wärmt und satt macht.

Süß wie die Stadt

Salzburger Nockerl

Ein süßer Soufflé-Traum aus Eischnee, geformt zu drei Hügeln — sie stehen für die Stadtberge Mönchsberg, Kapuzinerberg und Gaisberg. Mit Staubzucker bestäubt, warm serviert und in Sekunden verputzt.

Kaffeehaus-Lexikon

Ein kleines Einmaleins der Häferl

„Einen Kleinen Braunen, bitte.“ Wer die Wiener Kaffeekarte lesen kann, bestellt nie mehr bloß „einen Kaffee“. Ein Wegweiser für Eingeweihte.

Kleiner / Großer BraunerMit Kaffeeobers
Ein einfacher oder doppelter Mokka, dazu ein Schälchen Kaffeeobers zum Selberfärben — je nach gewünschter Bräune.
MelangeDer Klassiker
Halb Kaffee, halb geschäumte Milch — Wiens gemütlichere Antwort auf den Cappuccino. Das Häferl gehört auf die Untertasse, der Löffel quer darüber.
EinspännerIm Glashäferl
Ein starker Mokka im Glas mit einer Haube Schlagobers. Benannt nach den einspännigen Fiakern, die eine Hand am Zügel und die andere am Kaffee hatten.
VerlängerterGestreckt
Ein Brauner oder Schwarzer, mit heißem Wasser auf Tassengröße verlängert — für alle, die länger sitzen bleiben wollen. Und das will man.
KapuzinerDer kleine Braune
Ein Mokka mit ein paar Tropfen Obers, bis er die Farbe einer Kapuzinerkutte annimmt. Nicht zu verwechseln mit dem italienischen Cappuccino.
FiakerMit Schuss
Ein doppelter Mokka im Glas mit einem Stamperl Rum, dazu Schlagobers und eine Cocktailkirsche. Kutscherstärkung für kalte Tage.
Maria TheresiaKaiserlich
Mokka mit Orangenlikör und einer Haube Schlagobers, gern mit Zuckerrand — süß, wärmend und würdevoll zugleich.
Überstürzter NeumannVerkehrte Welt
Erst das Schlagobers ins Häferl, dann der heiße Kaffee darüber gegossen. Eine Rarität, benannt nach einem Stammgast, den man nicht warten lassen wollte.

Das Wiener Kaffeehaus ist seit 2011 immaterielles UNESCO-Kulturerbe — und das aus gutem Grund: Es ist Wohnzimmer, Redaktionsstube und Bühne in einem, „ein Ort, an dem man zu Hause sein kann, ohne daheim zu sein“. Wer eintritt, bekommt ungefragt ein Glas Wasser serviert; es wird nachgeschenkt, solange man bleibt — und man bleibt lang. Die eine Zeitung im Holzhalter gehört selbstverständlich dazu, ebenso das Recht, bei einem einzigen kleinen Braunen den halben Nachmittag zu verbringen.

Wein & Heuriger

Vom Pfefferl, vom Smaragd und vom „Ausg’steckt is’“

Österreichs Aushängeschild im Glas ist der Grüne Veltliner — jene weiße Rebsorte, die man an ihrem unverwechselbaren „Pfefferl“ erkennt, einer feinen pfeffrig-würzigen Note im Abgang. Er wächst von der Wachau über das Weinviertel bis ins Kamptal und ist so wandelbar wie unkompliziert: leicht und spritzig zur Jause, kräftig und lagerfähig zum festlichen Essen.

Eine Wiener Besonderheit ist der Gemischte Satz: Hier wachsen verschiedene Rebsorten gemeinsam im Weingarten, werden gemeinsam gelesen und gekeltert. Kaum eine andere Großstadt betreibt Weinbau innerhalb der eigenen Stadtgrenzen — in Wien reicht die U-Bahn beinah bis in die Rebzeilen von Grinzing und Nußdorf.

SteinfederZart & duftig
Die leichteste Kategorie der Wachau, bis 11,5 % Alkohol — benannt nach dem federleichten Steinfedergras, das an den Terrassen wächst.
FederspielKlassisch & schlank
Zwischen 11,5 und 12,5 %, der elegante Speisenbegleiter. Der Name stammt aus der Falknerei — vom Ködergerät, mit dem man den Falken zurückruft.
SmaragdKraftvoll & reif
Die Königsklasse ab 12,5 %, aus den reifsten Trauben. Benannt nach den Smaragdeidechsen, die sich auf den warmen Steinterrassen sonnen.

Wer den jungen Wein an der Quelle trinken will, geht zum Heurigen: einem Buschenschank, in dem der Winzer den eigenen, „heurigen“ (also diesjährigen) Wein ausschenkt, dazu eine deftige Brettljause aus Aufstrichen, Speck und Käse. Ob geöffnet ist, verrät der Föhrenbuschen über dem Tor — hängt er, heißt es: „Ausg’steckt is’!“

Streng genommen darf ein echter Buschenschank nur kalte Speisen und eigene Erzeugnisse anbieten; der Heurige nimmt es damit heute lockerer. Ab September kommt der Sturm ins Glas — jener trübe, süße, noch gärende Traubensaft, der harmloser schmeckt, als er ist. Man trinke ihn mit Respekt und dazu gebratene Maroni.

Kleines Wörterbuch

Was auf dem Marktstandl wirklich liegt

Die österreichische Küchensprache ist ein eigenes Land. Wer sie nicht spricht, steht am Naschmarkt ratlos vor dem Karfiol. Ein Übersetzungsdienst.

ParadeiserTomate
Rot, rund, sonnengereift — und in Wien niemals eine Tomate.
ErdäpfelKartoffeln
Wörtlich die „Äpfel der Erde“ — als Püree, Salat, Gulasch oder Schmarrn.
MarilleAprikose
Die Königin der Wachau. Im Juli als Knödel, sonst als Marmelade oder Schnaps.
TopfenQuark
Grundlage für Strudel, Palatschinken und die Fülle der Buchteln.
SchlagobersSchlagsahne
Kurz „Obers“. Gehört auf alles, was gut ist — und auf vieles, was ohnehin schon gut war.
FaschiertesHackfleisch
Für Saftgulasch, Braten und die geliebten faschierten Laberln mit Erdäpfelpüree.
KarfiolBlumenkohl
Gebacken mit Semmelbröseln — ein stiller Star der Hausmannskost.
MelanzaniAubergine
Aus dem Italienischen entlehnt; der Süden grüßt die Wiener Küche.
RibiselJohannisbeere
Rot oder schwarz, als Saft, Gelee oder auf der luftigen Ribiseltorte.
FisolenGrüne Bohnen
Im Fisolengulasch oder lauwarm als Salat mit steirischem Kernöl.
SemmelBrötchen
Die Kaisersemmel mit ihrem eingeprägten Stern gehört zu jeder ordentlichen Jause.
JauseDie heilige Zwischenmahlzeit
Kein Wort, ein Lebensgefühl: Brot, Speck, Käse, ein Glaserl — irgendwann zwischen den Mahlzeiten, und immer im rechten Moment.

Und wenn Sie am Ende ein „Sackerl“ fürs Übriggebliebene verlangen, hat der Ober längst verstanden, dass Sie kein Tourist mehr sind, sondern beinah schon a Wiener.

Süße Sünden

Mehlspeisen, die zum Bleiben verführen

In kaum einem Land wird die Mehlspeise so ernst genommen wie in Österreich. Sechs süße Institutionen — reihum bestellt, geteilt wird ungern.

Der süße Krieg

Sachertorte

Dunkle Schokolade, eine Schicht Marillenmarmelade, glänzende Glasur — und ein jahrzehntelanger Streit zwischen Hotel Sacher und Konditorei Demel um die „echte“ Torte, ausgetragen sogar vor Gericht.

Hauchdünn

Apfelstrudel

Der Teig muss so dünn ausgezogen sein, dass man „die Zeitung durchlesen“ kann — so will es der Spruch. Innen Äpfel, Rosinen, Zimt und Bröseln, dazu warme Vanillesauce. Ein Erbe der k. u. k. Monarchie.

Cremig

Topfenstrudel

Der mildere Bruder des Apfelstrudels: eine cremige Topfenfülle mit Rosinen und einer Spur Zitrone, warm serviert und in Vanillesauce gebettet. Die Mehlspeise für alle, die es nicht ganz so fruchtig mögen.

Rosa & rebellisch

Punschkrapferl

Ein knallrosa Würfel, innen getränkt mit Rum, Punsch und Tortenresten, außen glasiert. „Außen rosa, innen ordentlich was los“ — die frechste Kalorienbombe der Konditorei, gern zum Fasching.

Mit Powidl

Buchteln mit Powidl

Flaumige Germteigwuchteln, dicht an dicht gebacken, gefüllt mit Powidl — dem dunklen, würzigen Zwetschkenmus ohne Zucker. Frisch aus dem Rohr, mit Vanillesauce, sind sie das reinste Wiener Seelenfutter.

Aristokratisch

Esterházy-Torte

Feine Schichten aus Mandel-Baiser und Buttercreme, obenauf die charakteristische Fondant-Glasur mit dem eingezogenen Fischgrätmuster. Benannt nach der ungarisch-österreichischen Fürstenfamilie — Adel schmeckt man.

Märkte & Adressen

Wo das Land zum Einkaufen zusammenkommt

Der Markt ist in Österreich mehr als eine Einkaufsquelle — er ist Bühne, Ratsch-Zentrale und Bauchladen der Region. Drei, die man gesehen haben muss.

Wien

Der Naschmarkt

Wiens berühmtester Markt, seit über 200 Jahren an der Wienzeile: von Erdäpfeln und Paradeisern über Oliven, Gewürze und Meze bis zum Flohmarkt am Samstag. Ein bunter, lauter, herrlich vielsprachiger Bauch der Stadt.

Salzburg

Grünmarkt am Universitätsplatz

Im Herzen der Altstadt, im Schatten der Kollegienkirche: Bauernstandln mit Käse, Brot, Blumen und Almprodukten, dazu Bosna und Brezen zwischendurch. Barock über den Köpfen, Frische auf den Tischen.

Graz

Kaiser-Josef-Markt

Der größte Bauernmarkt der steirischen Landeshauptstadt, benannt nach dem Kaiser vor dem Opernhaus. Hier kostet man das dunkelgrüne Steirische Kürbiskernöl g. g. A. — das „grüne Gold“, das auf jeden Salat gehört.

Der Veranstaltungskalender

Ein ganzes Jahr zum Feiern

Von den Perchten im Jänner bis zum Silvesterpfad: Österreich feiert durchgehend. Filtern Sie nach Kategorie und Monat — und finden Sie heraus, wohin es sich heuer auszahlt.

1.Jän

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

Wien, Musikverein

Musik
5.Jän

Perchtenläufe der Rauhnächte

Salzburger Land

Brauchtum
20.Jän

Hahnenkamm-Rennen auf der Streif

Kitzbühel, Tirol

Sport
12.Feb

Wiener Opernball

Wien, Staatsoper

Kultur
14.Feb

Villacher Fasching

Villach, Kärnten

Brauchtum
28.Mär

Osterfestspiele Salzburg

Salzburg, Großes Festspielhaus

Musik
3.Apr

Altwiener Ostermarkt am Hof

Wien, Am Hof

Brauchtum
2.Mai

Gauder Fest

Zell am Ziller, Tirol

Brauchtum
9.Mai

Genuss-Festival im Stadtpark

Wien, Stadtpark

Kulinarik
15.Mai

Wiener Festwochen

Wien, mehrere Spielstätten

Kultur
31.Mai

Narzissenfest im Ausseerland

Bad Aussee, Steiermark

Brauchtum
21.Jun

Sonnwendfeuer in den Bergen

Tiroler & Salzburger Alpen

Brauchtum
26.Jun

Donauinselfest

Wien, Donauinsel

Musik
18.Jul

Wachauer Marillenkirtag

Spitz an der Donau, Niederösterreich

Kulinarik
18.Jul

Salzburger Festspiele (Eröffnung)

Salzburg

Kultur
1.Aug

Villacher Kirchtag

Villach, Kärnten

Brauchtum
4.Sep

Ars Electronica Festival

Linz, Oberösterreich

Kultur
13.Sep

Almabtriebe im ganzen Land

Tirol, Salzburg & Vorarlberg

Brauchtum
20.Sep

Rupertikirtag

Salzburg, Altstadt

Brauchtum
4.Okt

Lange Nacht der Museen

Österreichweit

Kultur
11.Nov

Martiniloben

Neusiedler See, Burgenland

Kulinarik
6.Dez

Salzburger Adventsingen

Salzburg, Großes Festspielhaus

Musik
31.Dez

Silvesterpfad

Wien, Innere Stadt

Brauchtum

Termine indikativ — bitte lokal prüfen. Viele Feste richten sich nach beweglichen Feiertagen, Wetter und Mondphasen des Winzers.

Galerie

Ein Gedeck fürs Auge

Sechs Stillleben aus Küche, Kaffeehaus und Heurigengarten — klicken Sie für die große Ansicht.