Das Journal

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Geschichten, die bleiben: über Menschen und Landschaften, über die kleinen Rituale des Alltags und die großen Gefühle der Sommerfrische. Erzählt in aller Ruhe, so wie man es sich beim zweiten Kaffee erzählt.

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Essay · Ausgabe 34

Im Kaffeehaus hat die Zeit zu warten

Eine Liebeserklärung an den langsamsten Ort der Stadt — an den Marmortisch, den Zeitungshalter und den Ober, der ungefragt das Wasser bringt. Über die hohe Kunst, gemeinsam allein zu sein.

Es gibt in Wien eine bestimmte Art, eine Tür zu öffnen. Man drückt die schwere Messingklinke des Kaffeehauses hinunter, tritt ein, und noch bevor sich die Tür hinter einem geschlossen hat, ist man in einer anderen Zeitrechnung angekommen. Draußen jagt die Stadt ihren Terminen nach; drinnen, zwischen Marmortischen und abgewetztem Samt, hat die Zeit zu warten, bis man sie ruft. Meist ruft man sie gar nicht.

Es riecht nach geröstetem Kaffee, nach ein bisserl Staub und nach den Jahrzehnten, die sich in die Polster gesetzt haben. Über den Tischen hängt jenes gedämpfte Licht, das keine Uhr kennt. Man könnte ebenso gut im Jahr 1910 sitzen wie heute; das Kaffeehaus tut, als sei die Zwischenzeit ein Missverständnis gewesen.

Der Marmor unter den Handflächen ist kühl und glatt, an den Rändern von tausend Häferln blind geworden. In der Ecke steht der hölzerne Zeitungshalter, an dem die Blätter hängen wie Fahnen einer sehr höflichen Armee. Man nimmt sich die „Presse“ oder den „Standard“, faltet ihn auf die für den Tisch passende Größe, und weiß: In der nächsten Stunde wird niemand kommen und fragen, ob man denn noch etwas konsumiere.

Denn das ist der eigentliche Handel des Kaffeehauses. Man zahlt nicht für den Kaffee. Man zahlt für den Sessel, den Tisch, das Licht — und für das Recht, zu bleiben.

Der Ober weiß, was Sie brauchen

Der Ober im Wiener Kaffeehaus ist keine Servicekraft, er ist eine Institution. Er trägt Weste und Fliege mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der schon die Großmutter am selben Fensterplatz bedient hat. Er merkt sich, dass Sie die Melange mit extra viel Schaum mögen und die „Presse“ vor dem „Kurier“. Er stellt Ihnen die Rechnung nicht hin; er wartet, bis Sie sie erbitten. Und er bringt Ihnen, ungefragt, immer wieder ein frisches Glas Wasser.

Der Ober bringt das Wasser ungefragt. Es ist seine Art zu sagen: Bleiben S’ ruhig noch. Josefine Prantl

Ein bisserl grantig darf er dabei schon sein — das gehört zum Ritual wie das Silbertablett. Der Wiener Grant des Obers ist keine Unhöflichkeit, sondern eine Kunstform: eine leise Behauptung, dass die Welt ihn nicht aus der Ruhe bringt und Sie das bitte auch nicht versuchen sollen. Wer diese Sprache versteht, fühlt sich seltsam geborgen.

Der Schriftsteller Alfred Polgar hat dem Kaffeehaus einst seine berühmte „Theorie“ gewidmet und es als Ort beschrieben, an dem Menschen sitzen, die allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen. Genau das ist das Paradox, das dieses Haus so unwiderstehlich macht: Man ist hier gemeinsam allein. Und der Ober ist der stille Verwalter dieses Zustands.

Gemeinsam allein

Schauen Sie sich um. Am Fenster sitzt ein Student über einem einzigen kleinen Braunen, den er seit zwei Stunden pflegt wie eine Zimmerpflanze; vor ihm türmen sich Bücher, die er längst nicht mehr liest, weil das Licht auf dem Ringstraßen-Trottoir spannender ist als jede Fußnote. Er wird gleich noch ein Glas Wasser bekommen, obwohl er keines bestellt hat.

Drei Tische weiter blättert eine ältere Dame in einem illustrierten Blatt, die Handtasche fest im Schoß. Sie kommt jeden Dienstag, immer an denselben Tisch. Der Ober nennt sie „gnä’ Frau“ und stellt ihr den Kleinen Braunen hin, noch ehe sie den Mantel abgelegt hat; man ahnt, dass dieser Dienstagnachmittag der Fixpunkt ihrer ganzen Woche ist.

Im hinteren Eck, unter dem trüben Spiegel, sitzen zwei ältere Herren beim Tarock und legen die Karten so bedächtig, als hinge der Weltfrieden an jedem Stich. Sie reden wenig, und wenn, dann über eine Partie von vor dreißig Jahren. Niemand wird sie stören. Das Kaffeehaus hat für jede Form des Verweilens einen Platz.

Niemand spricht mit niemandem, und doch ist da ein feines Netz aus Anwesenheit gespannt, ein leises Einverständnis: Wir alle sind hier, um für eine Weile nicht erreichbar zu sein. Die Löffel klirren, die Seiten rascheln, aus der Küche riecht es nach Apfelstrudel. Es ist der friedlichste Lärm der Welt.

Man kann im Kaffeehaus arbeiten, ohne zu arbeiten, nachdenken, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, jemanden treffen oder ganz bewusst niemanden. Es verlangt nichts. Es urteilt nicht. Es lässt einen in Ruhe — und das ist, in einer Welt, die pausenlos Aufmerksamkeit einfordert, beinahe ein Luxus, den man sich mit dem Preis eines einzigen Häferls erkauft.

Die Rechnung, bitte — aber später

Irgendwann, wenn das Licht schräg durch die hohen Fenster fällt und der zweite Verlängerte auch schon wieder kalt geworden ist, hebt man die Hand. „Zahlen, bitte.“ Der Ober rechnet im Kopf, nennt eine Summe, kassiert, wünscht einen schönen Abend. Man tritt hinaus, und die Stadt hat inzwischen weitergedreht, ohne einen zu vermissen.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst, die dieses Land so gut beherrscht: das Innehalten. Nicht das große Aussteigen, kein Sabbatical, keine Weltreise — nur eine Stunde auf einem samtenen Sessel, ein Häferl, ein Glas Wasser, das nachgeschenkt wird, solange man mag. Man muss dafür nirgendwohin. Man muss nur die schwere Messingklinke hinunterdrücken und sich Zeit nehmen. Sie wartet ohnehin schon — geduldig, an ihrem Marmortisch, seit über hundert Jahren.

— Josefine Prantl, Chefredaktion

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